"Ländlicher Raum"




1. Mose 4,2:


"Kain aber war ein Ackerbauer"
Hebräisch: "Obed Adama" = "Diener des Landes/Ackers"
Durch diese Worte wird eine innige Beziehung ausgedrückt!


Es folgen bald Bilder und Details zur Tagung "Ländlicher Raum"




VORWORT

Landwirtschaft geht uns alle an. Viele Menschen haben das inzwischen begriffen. Dies spiegelt sich sogar in neuen politischen Konzepten wider: Denken wir etwa an das europäische Modell einer multifunktionalen Landwirtschaft, an die aktuellen OECD-Überlegungen zu zielgerichteten und subsidiären Förderungen und an das auf den Klimakoferenzen beschlossene Credo für lokales Handeln. Welche Assoziationen haben wir, wenn wir an die Landwirtschaft denken? Diese Broschüre möchte unseren Blick schärfen und weiten. Landwirtschaft gestaltet unseren Lebensraum und trägt bei zu unserer aller Lebensqualität. Sie bildet eine Quelle für Kreativität und Motivation. Sie erzieht zu einem nachhaltigen Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen. Landwirtschaft ist für die Wirtschaft wichtiger, als sich aus den amtlichen Statistiken ablesen lässt.
1995 wurde die Broschüre "Der neue Wert der Landwirtschaft" zum ersten Mal herausgegeben. Hintergrund war eine Forschungsstudie "Quantifizierung der Umweltleistung der bäuerlichen Landwirtschaft", die vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Auftrag gegeben wurde. Mit dieser Studie wurden zum ersten Mal im Bereich der Europäischen Union die Umweltleistungen untersucht, ermittelt und berechnet. Das Agrarsystem beeinflusst seine nichtagrarische Umwelt, das heißt insbesondere die Wirtschaftskraft, die Naherholung, Gesundheit, Sozialhilfe, Kriminalität und die Ökosysteme.
Die Ergebnisse der Studie sind immer noch aktuell und geeigent, die großstädtische Bevölkerung für eine moderne, nachhaltige Entwicklung des ländlichen Raumes zu gewinnen. Das ist auch die Absicht dieser Neuauflage.

Das und vieles mehr können Sie in dieser Broschüre erfahren.
Erhältlich ist sie u. a. bei uns in den Gästehäusern Hohe Rhön

Mündlicher Vortrag von Professor Dr. Manfred Seitz:


Biblischer Schöpfungsglaube mit besonderer Berücksichtigung der Aussage: "Macht euch die Erde untertan"
Sonntag, 4. Februar 2007
Biblischer Schöpfungsglaube
Lieber Herr Schroth, sehr verehrte Damen und Herren!
Von dem Juristen Böckenvörde, der meines Wissens einmal Innenminister der Bundesrepublik war, stammt der berühmte Satz: „Der Staat kann sich die Werte, auf die er sich auferbaut, nicht selbst geben. Sie müssen ihm von außen gegeben werden.“ Was ich Ihnen jetzt vortrage, ist so etwas wie eine Übereignung von Überlegungen, die Ihnen nicht nur beistimmen, sondern Sie bestätigend unterfangen möchten.

Ich habe die gestrigen Vorträge alle gehört und bemerkt, dass in fast allen biblische oder glaubensbezogene Aussagen aufleuchteten. Sie wirkten auf mich wie ein Anker, der das ganze Schiff stabilisiert, wenn er ausgeworfen wird. Ich hab auch gestern gelernt, dass man seine ländliche Biographie bekennen soll. Das kann ich auch! Ich stamme aus Winterhausen bei Würzburg, einem unterfränkischen Winzerdorf, wo mein Vater dreißig Jahre Pfarrer war. Auf der ältesten Glocke meiner Heimatgemeinde steht der Satz: „Zu Winterhausen wächst der Wein durch Gottes Gnaden bei Mondenschein.“ Eineinhalb Jahrzehnte hab ich ein Landgemeindepraktikum für Theologiestudenten und Studentinnen durchgeführt. Die Studierenden mussten drei Wochen in einem ländlichen Pfarrhaus leben. Sie durften nicht heimfahren und nicht woanders leben. Sie mussten alles mitbekommen, und das diente dazu, dass wir unter den jungen Leuten künftige Pfarrer für Landgemeinden gewinnen. Das ist auch sehr gut angeschlagen und wird heute noch durchgeführt. Ich bin auch fünfzehn Jahre bayerischer Pfarrer gewesen, bevor ich auf einen Lehrstuhl kam. Theologie ist eine sehr schwere Wissenschaft. Da ich aus Winterhausen am Main stamme, verstehe ich die meisten theologischen Probleme erst zwei Jahre später, ich kann sie aber dann erklären. Und das will ich jetzt tun.

Das neue Jahr ist erst einige Wochen alt. Wissen Sie, es liegt noch nicht lange zurück, und Sie erinnern sich alle sicher daran, dass Ihnen ein guter Rutsch ins Neue Jahr gewünscht wurde. Man weiß aber nicht mehr, was dieser Wunsch bedeutet und woher er kommt. Er kommt aus dem Hebräischen und in der hebräischen Sprache heißt „Roosch“ Anfang, Haupt, Kopf, Anfang. Einen guten Rutsch wünschen heißt also: Ich wünsche Ihnen einen guten Anfang. Deshalb ist nichts gegen diesen Wunsch zu sagen, ich habe ihn nur erklärt, um etwas deutlich zu machen, was in unserer Sprache sehr häufig vorkommt: Wir wissen die Grundbedeutung von Worten, die wir häufig gebrauchen, nicht mehr. Ein ähnliches Schicksal hat der Begriff „Schöpfung“ erlitten. Man spricht aller Orten von Bewahrung der Schöpfung. Viele wissen aber nicht mehr, was das Wort bedeutet. Es ist eine Glaubensaussage; wer von Schöpfung spricht, setzt eigentlich voraus, dass alles Seiende, d.h. alles, was überhaupt in irgendeiner Weise ist, Kreatur ist und dass es von einem Schöpfer gemacht, gebildet und geschaffen wurde. Auch der Begriff „Bewahrung der Schöpfung“ wird nicht mehr in seinem tiefsten Sinn gewusst. „Konservator mundi“ ist in der christlichen Dogmatik der katholischen und evangelischen Kirche eine Gottesbezeichnung Zur Schöpfung gehört auch die Milchstraße, die können wir nicht bewahren. Also Bewahrung der Schöpfung ist der Konservator der Schöpfung, der Schöpfer selbst. Dem viel gebrauchten, selbst in den politischen Diskurs eingegangenen Begriff Schöpfung ist ein innerer Unfall widerfahren. Sprachgeschichtlich kommt Schöpfer aus einem uralten deutschen Wort, nämlich dem Wort Schaf; das ist ein alter Gefäßname. Der Schöpfer, der Schöpfende, der Name Gott ist entfallen, verloren gegangen, entwichen aus dem Begriff der Schöpfung, das ist die Entwendung, die Verlustsache.



Kapitel 1: Voraussetzungen zum Verstehen

Das apostolische Glaubensbekenntnis beginnt mit den Worten: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmel und der Erde.“ Dieser Satz fasst zusammen und stellt fest, dass der Gott Israels der Herr der Weltgeschichte und der Herr des Kosmos ist. Bei den damals Redenden und Hörenden war dieser Glaube ungebrochen. Heute müssen wir damit rechnen, dass er außerhalb der gottesdienstlichen und bekennenden Gemeinde weitgehend nicht mehr vorausgesetzt werden kann. Zahlreiche Menschen wissen nichts mehr von der Geschaffenheit der Welt, wollen nichts mehr davon wissen oder lehnen sie ab. Es gibt geradezu Verbote, nach einem etwaigen religiösen Anfang der Welt zu fragen. Man stellt sich die Welt als in sich begründete Natur vor. Als das, was schon immer war und was immer sein wird. In dem Maße jedoch, wie wir unseren Geschaffenheitscharakter und Gott als Gegenüber verlieren, wird die Welt zum Objekt und nur das! Der Mensch durchforscht sie, verfügt über sie und schafft in ihr sein eigenes Werk, das er dann als aus seiner Urschaft, Urheberschaft hervorgehende zweite Schöpfung versteht. Aus diesem Befund entsteht nun die Aufgabe, die vor uns liegt: Wir wollen den Anredecharakter der geschaffenen Welt wiedergewinnen. Wir wollen Gott als ihr Gegenüber wieder erkennen. Von Anerkennen wage ich noch nicht zu sprechen, obwohl ich mich bemühe, Theologie auch für die ernstnehmbar zu machen, die solchen Überlegungen vielleicht fremd gegenüberstehen. Wir wollen unsere Lebenswelt als unter allen Umständen schützenswertes Gut neu erfassen. Oder mit anderen Worten, es geht uns darum, die ethische Bedeutung des Schöpfungsglaubens zum Bewusstsein zu bringen. Diese ethische Bedeutung kann nur dadurch wieder zum Bewusstsein gebracht werden, dass wir versuchen, die Kluft zwischen dem Autonomieanspruch des modernen Menschen und dem infolge dessen verursachten Abstand zum biblischen Reden von Gott zu überbrücken.

Ich muss kurz erklären, was Autonomie bedeutet. Darüber hat der große Romano Guardini, einer der bedeutensten katholischen Theologen des vergangenen Jahrhunderts, das Ausführlichste und Beste geschrieben. Er sagt, Autonomie ist der Anspruch des modernen Menschen. Und zunächst positiv: Autonomie bezeichnet die Befugnis zur selbstständigen Regelung der eigenen Rechtsverhältnisse. In diesem positiven Sinn kommt der Begriff der Autonomie neuerdings im Hochschulrecht vor. Also Befugnis zur Regelung der eigenen Rechtsverhältnisse. Sie hat aber eine negative Bedeutung, die Sie in extremer Form in dem Anspruch der Autonomen Gruppen sehen. In der Regel des Heiligen Benedikt steht eine ebenso treffende Definition von Autonomie: Es sind Menschen, die in sich selbst eingesperrt sind und die ihr eigenes Begehren und Behagen als ihr Gesetz betrachten. Hervorragend definiert vor eintausendfünfhundert Jahren schon. Oder mit Psalm 73, 7: Sie kennen nur, was sie selbst gedenken.“ Wenn wir nun diese Kluft zwischen Autonomieanspruch und Schöpfungsglauben, dem biblischen Reden von Gott, zu überbrücken versuchen, dann heißt das, um die Kapitelüberschrift „Voraussetzungen zum Verstehen“ wieder aufzunehmen: Wir kommen den biblischen Aussagen näher, wenn wir sie zunächst abrücken von Fragen, die die neuere Menschheit interessieren und die vielleicht heute noch gestellt werden. Ob die Welt wirklich in sieben Tagen erschaffen sei. Was es bedeutet, dass die Erschaffung des Lichts der Schaffung der Gestirne vorausgeht. Ob Eva tatsächlich aus der Rippe Adams geschaffen wurde. Und ob die Schlange damals wirklich gesprochen habe. An diesen Denkfragen ist die Bibel überhaupt nicht interessiert! Einfach weil damals so niemand gefragt hat. Schöpfung gehörte zum Selbstverständlichen. Die ersten Kapitel der Bibel wollen deshalb und können auch nicht einen Bericht von der Entstehung der Welt und der Entstehung des menschlichen Geschlechts im Sinne einer geschichtlichen oder naturwissenschaftlichen Darstellung sein. Sie sind die Entfaltung des Bekenntnisses zu Gott, dem Schöpfer der Welt und dem Herrn der Weltgeschichte.


Kapitel 2: Theologische Schöpfungslehre - das entfaltete Bekenntnis

Eigentlich müsste die Erklärung dieser geballten Erwägungen in den ersten Kapiteln der Bibel und die Entfaltung dieser bildreichen Erzählungen Satz für Satz, ja Wort für Wort aussehen und wir müssten sie auflockern. Das ist jetzt nicht möglich. Deshalb gliedere ich dieses Kapitel in zwei Teile: 1. Historischer Befund und 2. Grunderkenntnisse des Ganzen.
Und dann kommt noch ein 3. Kapitel: Auslegungen von Einzelheiten.


Kapitel 2.1: Historischer Befund
Direkte theologische Aussagen über die Schöpfung in Gestalt größerer Textzusammenhänge finden sich im Alten Testament nur zwei. Falls Sie eine Bibel auf dem Tisch haben, bitte ich, sie aufzuschlagen. Es ist nicht schwer, gleich die ersten Seiten. Ich lese die Texte auch nicht, Sie blättern einfach und dann geht es schon.


Also erstens: Historischer Befund:
Wir haben nur zwei größere Textzusammenhänge, das ist einmal 1. Mose Kapitel 1 Vers 1 bis Kapitel 2, 4a. Ich erkläre die Worte, das ist der so genannte priesterschriftliche Schöpfungsbericht und dann der zweite Schöpfungsbericht 1. Mose 2, 4b bis 25. Das ist der jahwistische Schöpfungsbericht. Die jahwistische Geschichte wird so genannt, weil sie den Gottesnamen Jahwe gebraucht. Sie gilt als ältere, also die an zweiter Stelle ist die ältere und ist zwischen tausend und siebenhundert vor Christus etwa entstanden. Die priesterschriftliche Schöpfungserzählung heißt so, weil in ihr wahrscheinlich uraltes priesterliches Wissen wohnt. Sie gilt als jüngere und dürfte im sechsten Jahrhundert vor Christus entstanden sein. Fußnote: Die Wissenschaftler kämpfen natürlich, jeder will eine neue These über die Entstehung, aber das lassen wir beiseite. Die ältere, die jahwistische Erzählung spricht von der Erschaffung der Welt nur andeutend in einem Nebensatz am Anfang, um dann gleich bei der Erschaffung des Menschen einzusetzen. Sie erzählt einfach bildhaft und hinter ihr steht die Frage: Woher komme ich, so wie ich bin? Die jüngere, priesterschriftliche Darstellung, also im ersten Kapitel, spricht von der Erschaffung der Welt in umfassender Systematik, sie spricht reflektierend, abstrahierend, in einer schweren monumentalen Sprache, die wie eine kosmische Litanei klingt. Hinter ihr steht die Frage: Woher ist das alles, was ist? Woher ist es eigentlich gekommen? Beide Schöpfungsberichte antworten: Er ist unser Helfer und unser Herr, der uns und alles ins Sein rief.


Kapitel 2.2: Grunderkenntnisse des Ganzen

„Im Anfang“, das sind die ersten Worte, „im Anfang“. Ich lege nur die beiden ersten Verse genauer aus, um mich dann auf Überblicke zu beschränken. Die ersten Verse lauten: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer.“ Daher kommt aus dem Hebräischen das in die deutsche Sprache eingedrungene Wort Tohuwabohu. „Die Erde war wüst und leer und es war finster auf der Tiefe und der Geist Gottes schwebte“ – eigentlich muss es heißen „er tobte“ - „auf den Wassern“, Vers 1 und 2. Im Anfang, das heißt hier der frühere Zustand, ferne Zeit, die unbetretbare Einheit der Ewigkeit. In ihr schuf Gott, der hebräische Begriff, der hier verwendet wird, „Barrar“, ist ein Fachwort der theologischen Priestersprache und ausschließlich dem Schaffen Gottes vorbehalten. Himmel und Erde wird man als die summarische Aussage dessen, was im Folgenden schrittweise entfaltet wird, verstehen dürfen. „Und die Erde war wüst und leer und es war finster auf der Tiefe und der Geist Gottes tobte über den Wassern.“ Da liegt schon das erste, fast nicht lösbare theologische Problem. Die Inhalte dieses Verses sind gemessen an den sonstigen Gegenständen des alttestamentlichen Glaubenslebens ungewöhnlich gewagt. Denn sie greifen fast spekulativ, grüblerisch hinter das Geschaffene zurück. Sie greifen zurück auf jenen eigentümlichen Zwischenzustand zwischen dem Nichts und dem Geschaffenen. Wahrscheinlich sprechen sie von einer Möglichkeit, die immer gegeben ist. Dass hinter allem Geschaffenen der Abgrund der Gestaltlosigkeit liegt. Dass alles Geschaffene ständig bereit ist, im Abgrund des Gestaltlosen zu versinken. Dass also das Chaotische schlechthin die Bedrohung alles Geschaffenen bedeutet. Das ist eine Urerfahrung des Menschen und eine ständige Anfechtung seines Glaubens.


2.Die Setzung von Leben und Zeit

Was im Folgenden schrittweise entfaltet wird, ist das befehlende Wort und die Welt als Produkt des schöpferischen Wortes. Das Licht, der Erstling alles Geschaffenen, das in das Chaos einströmt, das Firmament oder Himmelsgewölbe, das Weltgebäude, die Erde und das Meer, die Schöpfung der Gestirne, die Erschaffung von Lebewesen, Fischen und Vögeln, die Landtiere und die Erschaffung des Menschen. Mit der Erschaffung des Menschen kommt das Analogielose, das heißt mit nichts zu vergleichende göttliche Schaffen zu seiner vollsten Bedeutung, im Menschengeschöpf, das in seiner Gottesbildlichkeit als das Hoheitszeichen Gottes auf die Erde gestellt wird. Der Darstellung dieser Gotteswerke liegen bereits zwei bedeutsame Erkenntnisse zugrunde: zunächst ist von Tagesabschnitten die Rede, die denen der sieben Tagewoche entsprechen. Die Meinung, die im Mittelalter aufkam und merkwürdigerweise heute wieder vertreten wird, man müsse diese sieben Tage wörtlich nehmen, wurde schon von einigen Kirchenvätern nicht geteilt. Vielmehr wird das Werden der Welt in aufeinanderfolgende Epochen, Zeitabschnitte, Perioden geordnet. Gott gibt dem Menschen die Zeiteinheit und setzt Leben mit der ordnenden Gattung der Zeit. Auch die Zeit ist Geschöpf und wird mit uns vergehen. Damit hängt eine weitere damals vorhandene Einsicht zusammen: Es wird nicht von der Erschaffung beliebiger Pflanzen oder Tiere gesprochen, sondern von der Erschaffung der Pflanzen und der Tiere in ihren Arten. Den Grunderkenntnissen der Gliederung pflanzlichen und tierischen Lebens in Arten oder Gattungen liegt bereits diese Schöpfungsdarstellung der Priesterschrift, tatsächlich zu Grunde und liegt schon vor.


2.3 Lasset uns Menschen machen.

Der auffällige Plural ist geheimnisvoll. Gott schließt sich orientalischer Auffassung nach mit dem himmlischen Hofstaat zusammen und verbirgt sich in dieser Mehrzahl zugleich. Die Schöpfungspyramide erreicht nun ihren Höhepunkt und ihr Ziel. In einem einmaligen Selbstentschluss schafft Gott den Menschen. Das Segenswort an ihn unterscheidet sich grundlegend von dem an Fische und Vögel. Es unterscheidet sich dadurch, dass nach der Ermächtigung zur Mehrung die Menschen mit der Herrschaft über die Erde und insbesondere über alle Tiere betraut werden. Ich komme nachher darauf zurück. Schließlich ist zu beachten, dass die Menschheit sofort zweigeschlechtlich geschaffen wird. Der ungeheure Doppelsatz „Er schuf sie als Mann und Frau“ ist so lapidar einfach, dass es einem kaum bewusst wird, dass mit ihm eine ganze Welt von Mythos und Meinung von modernen Spekulationen und Zynismen von Sexualangst und Sexualvergottung verschwindet.


2.4 Menschsein in Beziehung

Der zweite Schöpfungsbericht, der jahwistische, ist stärker anthropologisch ausgerichtet. Er ist ganz und gar auf die Beziehungen eingestellt, in denen der Mensch von Anfang an sein Menschsein zu erkennen hat. An erster Stelle ist die Beziehung zu Gott zu nennen, der ihn aus der Erde gestaltet, ihm seinen Odem, ein altes deutsches Wort für Atem, einhaucht und ihn dadurch zu einer lebendigen Person macht. An zweiter Stelle steht die Beziehung zu den Tieren, da heißt es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. So steht es wörtlich da. Dafür werden ihm die Tiere angeboten mit der Aufgabe, sie zu benennen und dadurch zu ordnen. Aber sie entsprechen ihm nicht wirklich. Deshalb schafft Gott - die Wissenschaftler nennen es unehrerbietig einen Besserungsbeschluss -, deshalb schafft Gott eine dritte Beziehung, die in ihrer Bedeutung der zweiten den Rang abläuft. Es ist die Schaffung zum Mitmenschen durch die Erschaffung der Frau. Das sie in archaischer, altertümlicher Redeweise aus der Rippe des Mannes genommen sei, hat nichts mit Unterordnung zu tun, sondern bringt die einzigartige Zusammengehörigkeit und ursprüngliche Verbundenheit der beiden zum Ausdruck. Die vierte Beziehung ist die zwischen dem Menschen und der Ackererde. Auch sie ist von Gott gesetzt, und zwar dreifach: Der Mensch ist aus Ackererde geschaffen; er hat sie zu bearbeiten und er kehrt in seinem Tod zu ihr zurück. Das Leben des Menschen ist in diesen vier Beziehungen in ein Grundverhältnis zu seinem Schöpfer gestellt, der aller Wesen Schöpfer ist. Es ist ihm kein Ort gegeben, dem Menschen, von dem aus er sich legitimerweise der Gnade Gottes entziehen könnte.


2.5 Die abschließende Billigungsformel

Sie steht schon vorher, wie ein Kehrreim vorkommend, in Kapitel 1 Vers 31 und lautet: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte und siehe, es war sehr gut.“ In dieser Billigungsformel begegnet uns nicht nur eine altorientalische, sondern eine allgemein menschliche Sitte. Ein Werk, das abgeschlossen ist, verdient auch sein Lob und eine Anerkennung. Das Schöpfungslob, das wir im ganzen Alten Testament und vor allem in den Psalmen finden (wie ich vorhin auch vorgelesen), wird hier in das Urteil dessen, der die Leistung selbst vollbracht, hat hineinverlegt. Es bringt zum Ausdruck - und das ist die Hebräische Bedeutung von Gut - dass es für jemand gut ist, zweckmäßig und schön. Vor allem schön schwingt mit, aber nicht im modernen Sinn, als wenn es nur schön anzuschauen wäre, sondern im tieferen Verständnis einer wunderbaren Zweckmäßigkeit. So sind Wälder, Sachen, Tiere, Menschen schön in dem, was sie lebensfördernd füreinander bedeuten.


Kapitel 3: Kurze Auslegung von Einzelheiten
Es sind so viele, dass ich nur wenige auswählen kann.

3.1 Das Nichts und das Sein

Mit der Frage nach dem Sein wagen wir uns an den Rand der völligen Dunkelheit, denn es war nichts Vorgegebenes da und das Erschaffene war vorher nicht. Die begriffliche Fassung der Schöpfung aus dem Nichts findet sich schon im zweiten Makkabäerbuch um hundert vor Christus: „Bedenke, dies hat Gott alles aus dem Nichts gemacht.“ Für uns heute gilt, formulierte es Martin Heidecker, der Freiburger Philosoph, so: „Nichts ist schwerer zugänglich als der Gedanke eines Schöpfers, der etwas, was nicht ist, ins Sein ruft.“ Wir stehen hier vor einer unüberschreitbaren Grenze, vor der wir nur staunend fragen können, warum überhaupt etwas sei und nicht vielmehr nichts.


3.2 Die Gottesebenbildlichkeit

Diese fast zu sehr zerdachte reflektierte Charakterisierung des Menschengeschöpfes enthält zunächst keine Erklärung, worin sie bestehe, die Gottesebenbildlichkeit. Auf keinen Fall darf sie auf die geistige Erscheinung des Menschen eingeschränkt und muss vielmehr auch auf seine Leiblichkeit bezogen werden. Der ganze Mensch ist gottesbildlich geschaffen. Diese Beschaffenheit erschließt sich dadurch, dass sie sofort mit einem Auftrag verbunden wird, der sagt, wozu sie gegeben ist. Wörtlich, in einer heute ungefälligen Sprache, um zu herrschen über alles Geschaffene. Herrschen heißt hier, sich verhalten wie er, Gott der Schöpfer, damit das von Menschen Gemachte gut, zweckmäßig und schön sei, ähnlich wie das von ihm Gemachte. Und noch etwas enthält die Gottesbildlichkeit: das Ent-sprechen. Das Geschöpf soll in Beziehung zu ihm stehen, es soll ihm entsprechen, so dass etwas zwischen ihm und Gott geschehen, dass Gott zu ihm reden und es ihm antworten kann. Die Menschheit ist geschaffen, dass etwas geschehe zwischen Gott und Mensch.


3.3 Die Erschaffung der Frau

Sie ist die letzte und geheimnisvollste aller Wohltaten, die Gott dem Nächsten zuwenden wollte. Gott hat ihm eine Hilfe zugedacht, die ihm entsprechen sollte. Sie sollte wie er sein und doch nicht identisch mit ihm, vielmehr sein Gegenüber, seine Ergänzung.
Die dem Menschen zugeführten Tiere wurden von ihm wohl als Hilfe anerkannt, aber ein ebenbürtiges Gegenüber waren sie nicht. So hat sich Gott aufs geheimnisvollste zur Erschaffung der Frau bewegt, aus dem Mann. Das war nun ein vollkommenes Gegenüber, das der Mann auch augenblicklich als solches anerkannt und begrüßt hat. Zum ersten Mal spricht der Mensch in der Schöpfungsgeschichte und es ist ein Ausruf des Erstaunens: Das ist doch Bein von meinem Bein. So ist es auch klar, woher der gewaltige Drang der Geschlechter zueinander kommt; durch die vom Schöpfer selbst angestiftete Macht des Eros.


3.4 Der Herrschaftsgedanke

Es gibt auch eine Unheilsgeschichte mancher Schriftstellen, z. B.: Korintherbrief: Wer unwürdig zum Abendmahl geht, isset und trinket es sich selbst zum Gericht. Was hat diese Unheilsauslegung alles angerichtet! Aber auch hier gibt es eine Unheilsgeschichte, aber sie setzt erst spät ein, und zwar in der Neuzeit. Die Vorwürfe lauten kurz gesagt so: Das Bewusstsein von der Sonderstellung des Menschen habe sich durchgesetzt und die ökologische Krise unserer Zeit heraufbeschworen, so Karl Ameri in seinem Buch „Die gnadenlosen Folgen des Christentums“. Es sei der ausdrückliche Auftrag der totalen Herrschaft und Unterdrückung der Natur. Auch Horst Eberhard Richter schrieb: Seit das Gottvertrauen verloren ging, setzte der Mensch sich selbst an die Stelle Gottes und festigt technisch, naturwissenschaftlich seine Weltbeherrschung. Sie droht uns samt unserer Zivilisation zu zerstören. Zwar sind die ursprünglichen Ausdrücke im Hebräischen „niedertreten“, „überwältigen“ auffällig stark. Sie stehen jedoch und das darf man nicht übersehen - im Gefolge der Gottesebenbildlichkeit. Mit der Ebenbildkonzeption ist die Herrschaftsaussage verbunden. Dadurch kommt etwas Sorgsames in sie hinein, das Sorgsame besagt zunächst: Herrschen wie der Schöpfer, ähnlich wie er.. Es ist dabei an die für die Antike klassische Form der Herrschaft, der Königsherrschaft, gedacht. Sie meint die volle Verantwortung des Herrschers für das Wohlergehen des ihm anvertrauten Volkes und Landes. Dann liegt wahrscheinlich in Herrschen, wir wissen es nicht mehr genau, auch die Aufgabe, auch mit dem Chaotischen umzugehen, das immer wieder in der Schöpfung aufbricht. Das würde das Aggressive, das Bändigen in den alten Begriffen erklären. Der Auftrag, sich die Erde untertan zu machen, ist die Ermächtigung zum gezielten Umgang mit dem Erdboden, also zum Ackerbau zunächst.

Der Herrschaftsauftrag über die Tiere ist der verantwortliche Auftrag im gemeinsamen Lebensraum Erde. Die Herrschaftsfunktion des Menschen über die außermenschliche Schöpfung besteht in der kreativen Mitarbeit an Gottes Schöpferwirken und ist begrenzt durch die beständige Bezogenheit auf dieses und die Achtung vor dem Geheimnis des göttlichen Werkes. So wie Gott sorgsam über seine Welt herrscht, ebenso soll der Mensch die Tiere beherrschen und die Erde bebauen und bewahren. Das so genannte Dominium Terre, also Herrschaft über die Erde, legt dem Menschen also Verantwortung für die außermenschliche Schöpfung auf. Er gibt ihm nicht die schrankenlose Verfügungsgewalt über die nicht menschliche Welt. Jedenfalls bewahrte man und ich kann es durch die ganze Kirchengeschichte über die alte Kirche, über Thomas von Aquin und Luther nachweisen. Ich kann nachweisen, dass der Herrschaftsgedanke nicht im Sinne willkürlicher Machtausübung aufgefasst werden darf. Er entglitt erst mit dem Verlust des Schöpfungsglaubens in der neueren Philosophie. Die Aufklärungsphilosophen waren es! Wir haben eine eindrucksvolle Untersuchung dazu, Jörg Bauer: „Freiheit und Emanzipation“, ein Philosophisch-theologischer-Traktat. Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte, 1762-1814, hat eine der problematischsten Aussagen von sich gegeben, er spricht vom ursprünglichen und absoluten Zueignungsrecht auf den gesamten Erdboden. Karl Ameri, wie schon erwähnt, bezichtigt die Bibel als schuldig am ökologischen Desaster und Eugen Drewermann wiederholt den Vorwurf. Bleiben wir beim fürsorglichen Verständnis.


3.(und dann komme ich bald zum Schluss) Die Störungen, die kommen

Mit Ausnahme des kurzen Hinweises auf Genesis 9,2 („Furcht und Schrecken sei vor euch in eure Hände seien sie gegeben“) hätte der Eindruck entstehen können, die Schöpfung sei heil und wir würden die bedrohliche Seite der Welt, in der wir leben, nicht beachten. Die Bibel ist davon weit entfernt. Sie lässt unmittelbar auf die Welt- und Menschenschöpfung die heillose Seite des Gewordenen folgen.

Die so genannte Sündenfallgeschichte müsste eigentlich Geschichte vom Beziehungszerfall heißen. Denn nacheinander zerfällt das von Gott gewollte Menschsein in Beziehung:

Die Beziehung zu Gott,
zum Mitmenschlichen Du und Wir
zu sich selbst und
zur kreatürlichen Umwelt, zur sächlichen Welt

Die zu meisterhaften Kunstwerken des Erzählens gehörende Geschichte berichtet über die persönliche soziale und dingliche Begrenztheit des Menschen. Er verfehlt sich auch fernerhin, geht kommentarlos weg und wird ausgeschlossen aus dem göttlichen Bereich. In allem, was er fortan zu seiner Rettung und zur Rettung der Welt unternehmen wird, steckt immer noch dieser Aufbruch drin. Nun wird er auch von Unglück, Krankheit, Katastrophen und Tod heimgesucht. Die zur Schöpfung gehörende Flutgeschichte lässt die Chaosmächte wieder aufbrechen und schärft ein: Der Mensch ist das gefährdete, bedrohte und ausgesetzte Geschöpf. Und doch wird ihm gerade in diesem Zusammenhang zugesprochen „Solange die Erde besteht, soll nicht aufhören Saat und Ernte; Frost und Hitze; Sommer und Winter; Tag und Nacht.“ Oder mit den weniger bekannten Worten des 119. Psalms „Gott hat die Erde fest gegründet und sie bleibt stehen. Sie steht noch heute nach seinen Ordnungen, denn es muss ihm auch in Zukunft alles dienen.“
Ich danke für Ihr Zuhören.


 


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